Verein GSM

gegen sexuellen Missbrauch !

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Tigerstreifen

Institutionalisierung rechtfertigt kein Verbrechen

Wir vom Verein gegen sexuellen Missbrauch sind vor den Kopf gestossen von Adolf Muschgs Äusserungen im Interview im Tagesanzeiger vom 16.03.2010. Wir können uns mit seinen Aussagen in keinster Weise einverstanden erklären und möchten hier dazu Stellung beziehen.

Für Betroffene, Opfer sexualisierter Gewalt in der Kindheit, ist Herrn Muschgs Statement zur Pädophilie ein Schlag ins Gesicht.
Zunächst muss man die Psychodynamik des Missbrauchs verstehen. Sexualisierte Gewalt an Kindern ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass dem Opfer etwas übergestülpt wird, dass das Opfer manipuliert wird, dass über seinen Kopf hinweg darüber geurteilt wird, was gut ist und was nicht, dass Tatsachen verdreht werden etc. Aus unserer Sicht macht Herr Muschg genau dies. Er nimmt in seinen Äusserungen gewissermassen den Opfern sexualisierter Gewalt in der Kindheit das Recht, selbst zu entscheiden, was ihrer Seele, ihrer Psyche, ihrem Körper Schaden zugefügt hat und was nicht. Er macht dies abhängig von der Kultur, dem Zeitgeist, der Zeitmoral, was bedeutet, dass das Umfeld – Täter mit eingeschlossen – bestimmt, was gut für das Kind ist, und die eigene innere Wahrnehmung völlig ausser Acht gelassen und übergangen wird. Die innere Wahrheit, das innere Empfinden, wie der Missbrauch erlebt wurde, wie es dazu kam, und welche innerlichen und äusserlichen Folgen man davon getragen hat, kann nur das Opfer selbst wissen, empfinden, wiedergeben.
Missbrauch ist stets eine Frage des eigenen Empfindens, sowohl hinsichtlich des Erlebens und der persönlichen Grenzen des Opfers, als auch im Hinblick auf die Intention des Täters.
Ein Kind braucht Nähe, Zärtlichkeit und Liebe. Dies ist aber ganz klar zu unterscheiden von Sexualität. Die Grenze zwischen wichtigem Körperkontakt und sexualisierter Gewalt an Kindern ist ganz eindeutig, zu erkennen auch in der Absicht, respektive der Erregung des Täters. Wäre die Handlung tatsächlich selbstlos und lediglich zum Wohl des Kindes, wie viele Täter behaupten, hätte der Täter keine sexuelle Intention, dann wäre er schlichtweg nicht erregt.
Täter, die Kinder ausbeuten und missbrauchen, spielen wohldurchdacht, strategisch, skrupellos und höchst manipulativ ihre Macht aus zwecks Befriedigung der eigenen Lust und Bedürfnisse, ohne Rücksicht auf die persönlichen Grenzen ihrer Opfer. Sie wissen ganz genau, was sie tun. Opfer sind Kinder und Jugendliche, also stets jene, die aus entwicklungspsychologischer und sozialisationstheoretischer Sicht emotional, kognitiv, ökonomisch und sozial unterlegen sind. Dies macht sie verhältnismässig leicht beeinflussbar. Kinder sind unerfahren in und uninteressiert an der Sexualität Erwachsener. Aus diesem Grund muss man sich hüten, das sexuelle Verhalten und Kokettieren erwachsener Frauen auf Kinder zu übertragen, was Herr Muschg tragischerweise tut.
Sexualität ist immer übergriffig, wenn ein Erwachsener mit einem Kind in irgendeiner Form sexuell wird.
Sexueller Missbrauch von Kindern ist keinesfalls eine Frage der Kultur. Dass im antiken Griechenland oder im früheren Japan Kindesmissbrauch institutionalisiert und ritualisiert betrieben wurde, rechtfertigt diesen noch lange nicht. Institutionalisierung rechtfertigt kein Verbrechen! Ginge es beispielsweise um institutionalisierten oder ritualisierten Mord (vgl. Menschenopfer oder Hexenverbrennung, um beim Stichwort „Hexenjagd“ zu bleiben), wäre man sich einig, dass es sich um unmenschliche Verbrechen handelt, die nicht mit Kultur oder Zeitgeist zu rechtfertigen sind. Wieso diese Doppelmoral?
Gewalt kann schlichtweg nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass zu irgendeiner Zeit, irgendwelche Menschen dies straffrei tun konnten. Wir sind doch lernfähige Wesen!
Dass die Reformpädagogik und die sexuelle Befreiung bei Herrn Muschg und anderen als Ausrede und Rechtfertigung für den Missbrauch herhalten müssen, ist bedauerlich und Missbrauch an diesen beiden Bewegungen.
Es ist nicht die Reformpädagogik, die die Kinder und Jugendlichen sexuell ausbeutet, sondern ihre Lehrer, Angestellten und Vertreter. Diese begehen als Individuen Verbrechen und müssen auch als solche zur Rechenschaft gezogen werden. Denn anders als Herr Muschg sind wir der Meinung, dass eine solche Tat durchaus kriminalisiert und geahndet werden muss, um diejenigen zu schützen, die sich selbst nicht schützen können.

In zwei Punkten sind wir mit Herrn Muschg einer Meinung. Undifferenzierte Berichterstattung vieler Medien oder „Hexenjagt“, wie Herr Muschg es nennt, ist nicht hilfreich oder konstruktiv – auch nicht im Sinne der Opfer. Oft wird es als erneuter „Gewaltakt“ empfunden, über das selbst Erlebte in Zeitungen zu lesen. Denn vielfach wird das Geschehene in den Medien interpretiert, nicht selten wird es verdreht, und meist wird darüber geurteilt.
Wir können Herrn Muschg auch in dem Punkt zustimmen, dass die Welt nicht Schwarz-Weiss ist, doch gibt es überall, in allen Bereichen, irgendwo Grenzen. Es ist schwierig, die Balance zu finden zwischen den helleren und dunkleren Grauschattierungen auf der einen Seite und den zu wahrnehmenden Grenzen auf der anderen Seite. Diese Grenzen jedes Menschen sind zu wahren, um ihn nicht zu verletzen, und um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Das Vorgehen der Täter und die Manipulation der Opfer sind oft zu subtil für Kinder und Jugendliche, sie können dies aufgrund ihrer fehlenden Reife und Erfahrung nicht durchschauen. Dadurch, dass Missbrauch oft im nahen Umfeld, wie der Familie oder dem Heim geschieht, werden Grenzen verwischt, und es wird für die Opfer schwierig, zu verstehen und zu reagieren. Dass Grenzen von Kindern und Jugendlichen leichter zu überschreiten oder durchbrechen, zu übersehen oder ignorieren sind, gibt uns nicht automatisch auch das Recht oder die Erlaubnis dazu. Wir haben im Gegenteil sogar die Aufgabe, schwächere Menschen besonders zu schützen.
Den Medien und Opfern der Übergriffe sexualisierter Gewalt wirft Herr Muschg vor, verallgemeinernd, undifferenziert und reisserisch Herrn Becker, einen Täter, zu demontieren. Mit seinem Statement tut er selbst den Opfern sexualisierter Gewalt jedoch genau dasselbe an.
Berichterstattung muss nicht reisserisch oder eine Hexenjagd sein, sie kann auch einfühlsam und differenziert sein – andere, darunter Amelie Fried, haben dies bereits bewiesen. Die Berichterstattung in Herrn Beckers Fall mag eine Hexenjagd sein, doch abscheulich finden wir sie nicht – im Gegensatz zu dem, was er anderen angetan hat.

Alice Schädler und Astrid Tiger für den Verein GSM


Wir haben eine Broschüre für Betroffene
von sexueller Ausbeutung geschrieben.
(pdf, 1169kb)

Eine Druckversion ist geplant.


Am 30.11.08 wurde die Volksinitiative "Für die Unverjährbarkeit pornographischer Straftaten an Kindern" angenommen. Der neue Artikel 123b der Bundesverfassung („Die Verfolgung sexueller oder pornografischer Straftaten an Kindern vor der Pubertät und die Strafe für solche Taten sind unverjährbar.“) ist sofort in Kraft getreten. Der neue Verfassungsartikel muss auf Gesetzesstufe noch konkretisiert werden. Es ist ratsam sich bei Fragen dazu an eine Opferhilfeberatungsstelle zu wenden und da gemeinsam, möglicherweise mit einer Anwältin, einem Anwalt zu schauen, wie es mit der Verjährung im Einzelfall genau aussieht und was für Möglichkeiten es gibt.


Wir haben eine Broschüre für Betroffene
von sexueller Ausbeutung geschrieben.
(pdf, 1169kb)

Eine Druckversion ist geplant.


Neu bieten wir eine E-Mail Beratung an.


Wir haben unsere Seite Informationen ausgebaut.


Wir bieten ein gut besuchtes Forum an.


Wir haben eine CD produziert zum Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit, die ab sofort hier erhältlich ist. Diese CD ist sowohl für Betroffene wie auch für alle anderen bestimmt. Enttabuisierung, Sensibilisierung und auch Heilung ist Idee und Inhalt dieses Projekts. Komponiert, getextet, Klavier gespielt und gesungen von einer Betroffen selbst. Nähere Infos (Musiktipp).

IMPRESSUM: Text, Musik und Bilder: Astrid Tiger und Verein GSM, Webdesign: Monika Saxer